Christoph Hessel

Eine ganz besondere Intensität des Erlebens vermitteln uns auch die Radierungen von Christoph Hessel. Sie sind nicht nur von einer bildnerischen Dichte, die man mit den Augen nur mühsam, wie einen traumhaften Dschungel, durchstreifen kann. Sie beinhalten vor allem auch ein Geflecht, ein Dickicht aus inhaltlichen Bezügen und Verweisen, so dass diese Steine, Insekten, Trödel und Nippes, Figuren und Landschaften, all das mannigfache Zeug, das er in seinen Bildern unterbringt, nun wahrlich alle Voraussetzungen Heideggers erfüllt. Gerade, weil er dies zusammenbringt, die bildnerische Sinnlichkeit und die Herausforderung an unser assoziatives Denken, belegt er eindrücklich, dass es ein hartnäckiges Vorurteil ist, dass das Denken lustfeindlich wäre. Auch die Dichte des Denkens ist eine Intensität des Erlebens. Vor allem, wenn sie mit so viel Humor und Furchtlosigkeit vor Denkgrenzen gepaart ist wie bei ihm.

Da wird auch mal ein Kalauer nicht gescheut, wie etwa beim „Mehrtürer-Quartett“: In einer Serie aus 10 Bildern, von denen 9 gezeigt werden, schwebt vor einer je unterschiedlichen Folterszene eines griechischen Märtyrers (die Hessel in einer griechischen Kirche entdeckt hat) jeweils die Darstellung eines von 9 Mehrtürern (so nannte man früher die Kombis) eines alten Quartettspieles. Im Hintergrund zieht sich, beinahe wie ein Film, die Darstellung der Kasseler Straße in Marburg, wo seine Schwiegermutter lebt, eine typische deutsche Vorstadtstraße, die er bei einem Besuch – vermutlich aus Langeweile – minutiös abgezeichnet und szenenweise auf die Radierplatten übertragen hat.

Nun dürfen Sie sich über den phonetischen Gleichklang des Bildtitels „Mehrtürer“ erfreuen, der so ganz im Gegensatz zur Dissonanz der drei Ebenen steht – aber fangen Sie um Himmels willen nun nicht den Versuch an, dies als ein Rätsel zu verstehen, zu dem es einen Schlüssel gäbe.

Im Gegenteil: Es ist gerade das Disparate, das eigentlich nicht Zusammengehörige, was Christoph Hessel in seinen meisterhaft radierten Platten lustvoll zusammenfügt, und dabei entsteht etwas, das nicht notwendigerweise richtig oder falsch sein muss, sondern eine Kontingenz, die Funken schlägt; wie ein Traum, der nicht notwendig, aber auch nicht ganz unmöglich ist.

So kann ein Bündel Thymian in einer schnellen Kritzelei auf eine Druckplatte zu einem verblüffend realistischen Waldstück werden; nach einem Besuch im botanischen Garten werden die dortigen unterschiedlichen Nistkästen sauber katalogisiert und in die Bäume gehängt, wo sie wie eine dunkle Notenschrift wirken, die zufälliger Weise genauso aufgereiht sind, wie die Spitzenkrägen der Regentinnen auf dem gleichnamigen Bild von Frans Hals, die Hessel vorher in einer Ausstellung gesehen hat. Eine traumhafte Geschichte deutet sich noch an durch den fliehenden Freier am rechten Bildrand, der die Tiefe des Thymianwaldes noch vollkommener und geheimnisvoller macht.

Bildanlässe findet Hessel überall. Bei einem Aufenthalt in Sizilien übernachtete er in der Nähe des Landsitzes des Dichters Salvatore Quasimodo in Girgenti, wo in den griechischen Ruinen noch heute die Stimmen von Pindar und Aischylos echohaft durch die Zeiten hallen. In der Dunkelheit hörte er wie Quasimodo die Nachtvögel.

Auszug aus der Rede des Leiters der Neuen Galerie Landshut Franz Schneider zur Eröffnung der Ausstellung „Kram und Zeugs“ im Kunstverein „Die Burg“ Burghausen 2010.

Biografie

wurde 1952 in Süssen/Baden Württemberg geboren; ab 1963 erster Zeichenunterricht durch die eigene Mutter, eine am Bauhausableger in Reichenberg ausgebildete Grafikerin. 1965 – 67 im Atelier Geitlinger, München und 1967 – 71 Privatunterricht bei Peter Collien, zuerst in Steinebach und dann in München. 1973 Abitur am humanistischen Gymnasium. Von 1973 – 78 Malerei und Grafikstudium an der Akademie der Bildenden Künste München bei Mac Zimmermann. 1979 Wechsel zu Prof. Sauerbruch, um das 1. Staatsexamen abzulegen. 1980 – 82 Referendariat/2.Staatsexamen, ab 1982 Kunstlehrer in Weilheim und ab 1985 in Kirchheim. 1993 – 2015 Seminarlehrer in München.
1967 konnte ich eine Collage in der Ausstellung „Collage 67“ im Lenbachhaus in München unterbringen. Ab 1971 Beteiligungen an der „Großen Münchner Kunstausstellung“ im Haus der Kunst, zuerst bei der Neuen Gruppe ( 1971 und 73), dann bei der Secession ( 1975, 76, 77, 78 und 80).
1973 fand dann bereits die erste Einzelausstellung im Grafischen Kabinett der Galerie Nebehay in Wien statt. Ankauf von der Albertina durch Walter Koschatzky persönlich! Beginn der Freundschaft mit dem Wiener Maler Franz Luby. Gemeinsam mit ihm Ausstellung in der Galerie am Rabensteig in Wien. Weitere Folgeausstellungen – der Veranstalter war ein spanischer Käufer in Wien – in Madrid (galerie imagen grafica) und Ibiza (Galerie es soto fosc), letztere gemeinsam mit Kommilitonen aus der Zimmermannklasse.
Im Rahmen von Ausstellungen unter dem Motto „Mac Zimmermann Freunde und Schüler“ fanden zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen statt, so im Goethe-Institut, Kuala Lumpur, eine Wanderausstellung zum Thema “Radierung” in München, Velje, Nürnberg und Ingolstadt, in der Galerie Rehklau in Augsburg, der Galerie November in Berlin, der Galerie Sprick in Bochum, dem Hagener Kunstkabinbett, und als Höhepunkt in der Galerie Dürr, Stuckvilla München 1977 ( “18 Subjektivisten?”).
Regelmäßige Beteiligung an den Grafikzirkeln der Galerien Hartmann, Neue Münchner Galerie und Galerie Wittemann – alle in München – sowie der Edition Visel in Memmingen, Herausgeberin der “GrafischenKunst”, in welcher über die Jahre zahlreiche Artikel erscheinen.
Über die “Grafische Kunst” Bekanntschaft mit dem Galeristen Heiko Rogge aus Bad Herrenalb, der 1981 in seinem “Kleinen Kunstkabinett” eine Ausstellung einrichtet. Darüber Kontakt zur Galerie Brinke und Riemenschneider in Hamburg, die meine Radierungen in ihr Programm aufnimmt, wodurch Ausstellungsbeteiligungen in London und Darmstadt (Saalbau-Galerie) folgen.
1978 Aufnahme als Mitglied in den Verein für Originalradierung München. Seit der Eröffnungsausstellung in der Galerie am Bavariaring 1978, danach in der Ludwigstraße, folgt eine große Anzahl von Beteiligungen im Rahmen von Mitgliederausstellungen unter dem Titel “druckfrisch” und anderen Titeln, welche auch ins Ausland führen ( Maastricht, Geehlen, Glasgow u.a.), sowie von Einzelausstellungen, so 1985 mit Bele Bachem, 1988, 1995, 2000, 2010 alleine.
Seit 1987 stellte ich alle 2 Jahre regelmäßig in der Galerie Méautis aus; dadurch konnte ich einem fixen Stamm von ca. 80 Interessenten/Käufern alle Arbeiten zeitnah nach ihrer Entstehung zeigen.
Wichtige Ausstellungen waren die in der Galerie Rutzmoser 1980, im Studio Giambo, 1984 in Florenz, in der Galerie im Schlosspavillon Ismaning 1985, In der Bayrischen Vertretung in Bonn 1987, 1988 in der Ecke-Galerie in Augsburg, 1989 bei Osram in München, 1994 in der Galerie Reile in München, 1998 in der Artothek in München, 2006 in der Galerie Wildeshausen, 2010 im Kunstverein Burghausen ( mit Carin Stoller), und 2016 in der Großen Rathausgalerie in Landshut (mit Carin Stoller und Martin Nickl-Etsch). Auch die Beteiligungen an Grafikbiennalen sind erwähnenswert: 1990, 1993 und 1996 in Frechen, 1997 in Grenchen(Schweiz) mit der 5teiligen Serie “a la ticinese”. 1982 erhielt ich den Förderpreis für Grafik der Stadt München und 1984 war ich eingeladen zum “Kunstpreis Junger Westen” in Recklinghausen.

1982 erschien das Kinderbuch „Filemon Faltenreich“ (Text: Michael Ende) im Thienemann-Verlag, Stuttgart. 1985 ein Werkverzeichnis in der Edition Visel, 2008 ein kleiner Katalog anlässlich der Dresdner Ausstellung „Für kleine Auslagen“ im Selbstverlag und 2012 „Die Neuen Nothelfer“ (Text: Jürgen Bulla im Black Ink Verlag). Seit 1990 habe ich mit der Bärenpresse in Bern vier bibliophile Bücher in kleiner Auflage herstellen können ( „Piatnik Dich doch selber“, 1990, „Nelle“,2000, „Nadja“, 2006 und „Hotel Gabi“ 2015 ).
Ankäufe Öffentlicher Sammlungen gab es seit 1973 (Albertina, Wien). So durch die Graphische Sammlung in München 1979, mehrmals durch Institutionen in der Schweiz im Rahmen der Veröffentlichung der bibliophilen Bücher, der großen Bibliotheken in München, Leipzig und Frankfurt, die Artothek München erwarb ein Blatt, das Stadtmuseum in Wien, die Annenhalle in Lübeck besitzt aufgrund der Schenkung von Leonie v. Rüxleben alle Selbstbildnisse von mir, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen kauften eine Monotypie, SKH Franz v. Bayern erwarb das Buch „Nadja“ für seine Büchersammlung (jetzt im Institut für Kunstgeschichte), das Museo Communale d´Arte in Ascona/Ti hat aufgrund zahlreicher Arbeits-Aufenthalte in der Villa Leone in Ronco eine Reihe dort entstandener Arbeiten in seinem Bestand (Ueli und Richard Seewald- Stiftung).

1963-66 Atelier Ernst Geitlinger, München
1967-72 Privatunterricht bei Peter Collien, Steinebach und München
1973-79 Akademie der Bildenden Künste München bei Mac Zimmermann
Lebt und arbeitet in München

EINZELAUSSTELLUNGEN – seit 2008

2008

2008

2010

Grafikladen am Weißen Hirsch, Dresden

2008 Galerie Méautis München

PS2-Galerie München (mit Carin Stoller)

Die Neuen Nothelfer“, Verein für Originalradierung München

2010 „Text und Bild im Caveau“, Caveau, München

2010 „Kram und Zeugs“, Kunstverein die Burg, Burghausen ( mit Carin Stoller)

2011 „Backstage/Onstage, die doppelte Amy und Rehab“, Galerie Méautis Mchn

2014 „Bilder, Bronzen und ein Buch“, Galerie Méautis München

2015 „Preview auf Pong“, PS2-Galerie München

2016 „Hessel, Nickl-Etsch, Stoller“, Große Rathausgalerie, Landshut

2016 „Blasen hinter der Tapete“ Kubinmuseum, Zwickledt ( mit Markus Jaursch )

2017 „Hessel, Sendler, Stoller“, Malura-Museum, Unterdießen

2021 „Malocchio“, Galerie im Schlosspavillon Ismaning ( mit Markus Jaursch )

AUSSTELLUNGSBETEILIGUNGEN – seit 2008

  2008 “druckfrisch 08”, Verein für Originalradierung München

2010 „Verein für Originalradierung München“, Südtiroler Künstlerbund Bozen

2011 „Monotypie“, Verein für Originalradierung München

2012 „120 Jahre – Jubiläumsmappe 2012“, Verein für Originalradierung München

2012 „Kunst- und Wunderkammer revisited“ Große Rathausgalerie Landshut

2014 „Präsentation der Jahresgaben und Sondereditionen“, Verein für Originalradierung München

2015 „Präsentation der Jahresgaben und Sondereditionen“, Verein für Originalradierung München

2015 „NÖ, Tage der Offenen Ateliers“, Atelier Hildegard Kassel, Staatz

2017 „unterwegs“, Verein für Originalradierung München

2018 „Erasmo“, Verein für Originalradierung München (mit Michael v. Cube und Yongbo Zhao)

2018 „Erasmo“, Hammerschloss, Schmidmühlen (s.o.)

2018 „Ich und mein Selfie. Künstlerselbstportraits von Liebermann bis Immendorf. Werke aus der Sammlung Leonie Freifrau v. Rüxleben, Kunsthaus Apolda und Annenhalle, Lübeck

2018 „druckfrisch“, Verein für Originalradierung München und Neue Galerie Landshut

2019 „Fingerzeig“, Verein für Originalradierung München

2020 „Ostwind – Manouf Halbouni“, Annenhalle Lübeck

2020 „Strichcode“, Jahresgaben des Vereins für Originalradierung München im Feininger-Museum, Quedlinburg

2021 „Nach der Schlacht“, Assoziationen zu Alfred Kubin, Kubin-Galerie Wernstein